„Nicht die Menschen müssen sich verändern, sondern die Rahmenbedingungen.“
Erstelldatum19.06.2026
Ein voll besetzter Rathaussaal, ein Thema mit hoher gesellschaftlicher Relevanz und viele neue Denkanstöße: Die Volkshochschule Dossenheim lud kürzlich zu einem Vortrag über Neurodiversität und Neurodivergenz ein. Referent war der Dossenheimer Physiker und Gemeinderat Dr. Hergen Schultze, Leiter einer Forschungsgruppe bei BASF und selbst Autist.
Bereits in seiner Begrüßung betonte Bürgermeister David Faulhaber die Bedeutung von Inklusion und Teilhabe für eine moderne und offene Gemeinde. Der Vortrag knüpfte unmittelbar daran an und eröffnete den zahlreichen Besucherinnen und Besuchern neue Perspektiven auf eine Form von Vielfalt, die häufig unsichtbar bleibt.
Doch was bedeutet eigentlich Neurodiversität? Dr. Schultze erklärte, dass damit die natürliche Vielseitigkeit aller menschlicher Gehirne gemeint ist. Menschen denken, fühlen und verarbeiten Informationen unterschiedlich – und genau diese Unterschiede gehören zur menschlichen Vielfalt. Von Neurodivergenz spricht man dann, wenn bestimmte neurologische Merkmale besonders ausgeprägt sind, beispielsweise bei Autismus oder ADHS.
Schätzungen zufolge sind zwischen zehn und zwanzig Prozent der Bevölkerung neurodivergent. Dennoch wird das Thema in der öffentlichen Wahrnehmung häufig übersehen. Dabei begegnen viele Menschen neurodivergenten Personen täglich – oft ohne es zu wissen.
Im Verlauf des Vortrags räumte Dr. Schultze mit zahlreichen Vorurteilen auf. So sei ADHS keineswegs auf Jungen beschränkt, sondern werde bei Mädchen häufig lediglich später oder gar nicht erkannt. Auch die Annahme, ADHS „wachse sich aus“, sei nicht zutreffend. ADHSler lernen vielmehr, mit ihren Besonderheiten umzugehen und Erwartungen ihres Umfelds zu erfüllen. Dieser Anpassungsprozess, das sogenannte „Maskieren“, kostet jedoch oft viel Kraft und Energie.
Gleichzeitig machte der Referent deutlich, dass viele Eigenschaften, die als Schwächen wahrgenommen werden, auch besondere Stärken darstellen können. Menschen mit ADHS zeichnen sich häufig durch hohe Flexibilität, Kreativität, Anpassungsfähigkeit und eine starke emotionale Wahrnehmung aus. Viele entwickeln ausgeprägte Problemlösungskompetenzen und bringen wertvolle Perspektiven in Teams ein.
Besonders persönlich wurde der Vortrag, als Dr. Schultze über seine eigene Lebensgeschichte sprach. Schon als Kind habe er häufig das Gefühl gehabt, anders zu sein und die Welt eher als Beobachter zu erleben. Erst die Diagnosen seiner Kinder führten dazu, dass auch er sich intensiver mit dem Thema auseinandersetzte und schließlich selbst eine Autismus-Diagnose erhielt.
Dabei stellte er klar, dass auch rund um Autismus zahlreiche Missverständnisse existieren. Autistische Menschen hätten keineswegs weniger Gefühle. Oft würden Emotionen sogar besonders intensiv wahrgenommen. Auch fehlender Augenkontakt bedeute nicht mangelnde Aufmerksamkeit. Im Gegenteil: Viele Autisten können sich besser konzentrieren, wenn sie nicht gleichzeitig Blickkontakt halten müssen.
Autismus sei zudem kein einheitliches Erscheinungsbild, sondern ein Spektrum mit sehr unterschiedlichen Ausprägungen. Viele autistische Menschen erleben ihre Umwelt mit einer geringeren Filterung von Sinneseindrücken. Dadurch werden Reize intensiver wahrgenommen. Dies kann einerseits zu einer besonderen Aufmerksamkeit für Details führen, andererseits aber auch zu Überlastung und Erschöpfung. In solchen Situationen kann es zu sogenannten „Meltdowns“ kommen – Zuständen starker Überforderung, in denen Autisten vor allem Ruhe und Rückzug benötigen.
Ein zentraler Gedanke des Abends lautete: Nicht die Menschen müssen sich verändern, sondern die Rahmenbedingungen. Inklusion bedeutet, Umgebungen so zu gestalten, dass unterschiedliche Menschen ihre Fähigkeiten bestmöglich einbringen können.
Besonders deutlich wurde dies am Beispiel der Arbeitswelt. Während Unternehmen zunehmend Fachkräfte für Digitalisierung, Datenanalyse oder Künstliche Intelligenz suchen, orientieren sich viele Bewerbungs- und Arbeitsprozesse noch immer stark an kommunikativen Fähigkeiten und sozialen Erwartungen. Dadurch entstehen oft unnötige Barrieren für neurodivergente Menschen.
Dr. Schultze plädierte deshalb für mehr Bewusstsein, Verständnis und Offenheit. Verlässlichkeit, Transparenz, klare Informationen und eine bedürfnisorientierte Gestaltung von Arbeitsplätzen kämen nicht nur neurodivergenten Menschen zugute, sondern verbesserten die Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten.
Die Gemeinde Dossenheim greift dieses Thema bereits aktiv auf. Neurodiversität und Neuro-Inklusion werden im Rahmen der Auditierung „berufundfamilie“ berücksichtigt und sind zudem Gegenstand eines Gemeinderatsbeschlusses. Damit setzt die Gemeinde ein wichtiges Zeichen für eine moderne, inklusive und vielfältige Arbeits- und Lebenswelt.
Der Vortrag machte deutlich: Neurodiversität ist kein Randthema. Sie betrifft einen bedeutenden Teil unserer Gesellschaft. Wer unterschiedliche Denkweisen versteht und wertschätzt, stärkt nicht nur einzelne Menschen, sondern die gesamte Gemeinschaft.
„Eine inklusive Gemeinde entsteht dort, wo Menschen mit ihren individuellen Stärken gesehen und Barrieren gemeinsam abgebaut werden. Diesen Weg möchten wir in Dossenheim konsequent weitergehen“, hebt Bürgermeister David Faulhaber hervor.



